Friday 24. November 2017

Pastorales Forum
wissenschaftliche Erforschung der religiös-kirchlichen Lage in den ehedem kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas.
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Der begeisterte Selbstmord

Es war Anfang dieses Jahres. Die Österreichischen Bischöfe hatten gerade in ihrer ersten Sitzung des neuen Jahres einstimmig brüderlichen Frieden vereinbart. Was es nicht gab, wurde durch einen Machtspruch geschaffen: Harmonie. Wirklichkeit wurde konstruiert. ...
Es war Anfang dieses Jahres. Die Österreichischen Bischöfe hatten gerade in ihrer ersten Sitzung des neuen Jahres einstimmig brüderlichen Frieden vereinbart. Was es nicht gab, wurde durch einen Machtspruch geschaffen: Harmonie. Wirklichkeit wurde konstruiert. Macht, genauer ein Machtwort schuf "Wahrheit". Man wolle jetzt ein Jahr lang Atem holen, so verkündete der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Schönborn den vor dieser Meldung gespannten und nach ihr hochenttäuschten Medienleuten. Dabei hatten die Bischöfe es gekonnt vermieden, über die vorhandenen Probleme auch nur andeutungsweise miteinander zu reden. Probleme hätte es wahrlich genug gegeben. Da hat der Generalvikar des Wiener Erzbischofs mit dessen Wissen und Rückendeckung den Suffraganbischof von St. Pölten, Kurt Krenn, öffentlich massiv angegriffen: Dieser verursache mit seinen Auftritten und Aussagen pastoralen Flurschaden. Die Lage sei unerträglich geworden. Diejenigen Frauen und Männer, die in den Schulen Religion unterrichten, kämen nicht mehr dazu, über das Evangelium zureden, sondern müßten sich das Gespött über die Kirche gefallen lassen. Bischof Krenn müsse sich ändern oder Rom müsse handeln: ihn also von St. Pölten abberufen. "Die Lügner sollten das Maul halten", so hatte Bischof Krenn kurz vor dieser Attacke des Generalvikars in Richtung des Wiener Kardinals verlauten lassen. Krenn war mit dem Ad-limina-Bericht der Bischöfe nicht einverstanden. Sein offen vorgetragener Ärger kam daher, daß die nun schon langjährigen Unruhen um seine Person penibel dokumentiert waren und weil dem Vatikan in der Behandlung der causa Groer unprofessionelles Vorgehen vorgeworfen wurde. Bischof Krenn behauptete, er habe den Text nicht rechtzeitig erhalten und habe daher nicht vor der Veröffentlichung des Textes Einspruch erheben können. Kardinal Schönborn widersprach diesem Vorwurf seines bischöflichen Kollegen vehement und deponierte auch in der Bischofskongregation seine Sachverhaltsdarstellung. Hinter all diesen verwunderlichen Streitigkeiten über reine Vorgangsfragen steckt freilich ein tiefer Dissens über den dialogischen Weg, den die Kirche in Österreich schon unter Kardinal König nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagen hat. Bischof Krenn, und nicht er allein, ist der Ansicht, daß der eingeschlagene, zumindest von der Mehrheit der Bischöfe geduldete Weg des Dialogs mit dem Kirchenvolk, grundfalscher liberaler Verrat am Evangelium sei. Der Delegiertentag in Salzburg im Oktober 1998 habe den Zug der Österreichischen Kirche auf einem falschen Reformgleis in Fahrt gebracht. Bischof Krenn konnte das in Salzburg nicht verhindern. So warf er sich - bildlich gesprochen - vor den fahrenden Zug der österreichischen Kirche. Der Streit um die Entstehung des Berichts nach Rom wurde von ihm als destruktive Waffe eingesetzt. Damit zwang er den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Schönborn, den Reformzug in einer Notbremsung anzuhalten. Zur Zeit herrscht Stillstand in Österreichs Kirche. Ein maßgeblicher österreichischer Bischof - er ist sicher froh, wenn ich seinen Namen nicht nenne - beschrieb die derzeitige Entwicklung der österreichischen Kirche mit dem Titel eines alten Bestsellers: "Der begeisterte Selbstmord". Auf die gezielte Nachfrage, ob er damit die österreichische Kirche und ihre Bischöfe meinte, sagte er niedergedrückt ja. Krise der Vatikanischen Österreichpolitik In all diesen Vorgängen kommt die Krise der Vatikanischen Österreichpolitik ans Licht. Ihre Vorgeschichte ist rasch erzählt. Die nachkonziliare Ära König hat zu einer innerösterreichischen Sammelbewegung geführt. Ihre Zusammensetzung war höchst bunt: da waren diejenigen, welche mit den Konzilsreformen unzufrieden waren. Dazu kam der Altadel, dessen Rolle in der österreichischen Gesellschaft und Kirche beachtlich ist. Schließlich herrschte in Kreisen der ÖVP die Ansicht vor, daß sich Kardinal König von der Sozialdemokratie Bruno Kreiskys über den Tisch ziehen ließ. Zusammen mit dem damaligen Apostolischen Nuntius Michele Ceccini wurde eine Liste von Bischofskandidaten erstellt. Eine Kursänderung wurde allein durch eine neue Generation von Bischöfen erhofft. So erfuhren denn auch einige abtretende Bischöfe erst aus der Zeitung, wer ihr Nachfolger ist, so Kardinal König oder auch Bischof Zak von St. Pölten. Kardinal König sagte in einem Interview in den USA, der Papst hatte offenbar keine Zeit gefunden, ihn zu konsultieren. Bischof Zak wiederum äußerte sich erzürnt, daß der Nuntius ihm noch vor wenigen Wochen eine andere Lösung als Kurt Krenn zugesichert hat: Tatsächlich war für St. Pölten Bischof Schönborn vorgesehen. Kurt Krenn hatte damals immer noch auf Wien gehofft. Daß es dann umgekehrt kam, ist wohl einer der allzu menschlichen Hintergründe für die aufgeregte Rivalität zwischen dem Metropoliten Schönborn und seinem Suffragan Krenn. Schritt für Schritt wurde diese Liste kirchenpolitisch erfolgreich administriert. Nuntius Michele Ceccini; Österreicher im Vatikan; gute Beziehungen zur "kleinen polnischen Kurie" im Vatikan um den Papstsekretär Dziwics, verstärkt durch polnische Bischöfe; aber auch hohe geldspendende politische Kreise aus Österreich (einige Einrichtungen in der Vatikanischen Bibliothek wurden, vermittelt durch den damaligen Vorsitzendes des Österreichischen Bundesrates, aus österreichischen Steuergeldern finanziert) hatten genug Einfluß, um einen Bischof nach dem anderen von ihrer Liste durchzubringen: Küng von Opus Dei für Vorarlberg, Eder (damals noch anstelle des eigentlichen Wunschkandidaten Laun) in Salzburg, Krenn in St. Pölten (trotz mehrmaliger gescheiterter Versuche, ihn nach Wien zu setzen). Wie es dabei herging, erfuhr ich selbst 1989 am Rand eines Symposiums Europäischer Bischöfe in Rom. Da fragte am Tisch ein Mitglied der Bischofskongregation unsere österreichische Delegation, wie es uns denn mit dem neuernannten Erzbischof Groer ginge. Meine Gegenfrage: Da müßten Sie ja mehr wissen, wo Sie ja in der Bischofskongregation sitzen und diese Ernennung beschieden haben. Von wegen, sagte der Kardinal. Das lief so: Wir haben die vorgeschlagenen Kandidaten geprüft, um dem Papst einen Vorschlag zu machen. Dann aber kam vom Papst ein Prälat zu uns und sagte: der Heilige Vater wünsche den und den. Und damit war unsere Arbeit zu Ende. Was nur so viel heißen konnte: auch vergeblich. Es ist ja auch längst durchgedrungen, daß zumindest beim Versuch, Krenn statt Groer für Wien zu ernennen, hochrangige Personen auch aus dem Vatikan mit einem Teilerfolg interveniert haben. Die umgehende Ernennung von Kurt Krenn zum Weihbischof von Wien, an der Kardinal Groer nach seiner Auskunft auf dem Wiener Diözesanforum lediglich gehorchend mitwirkte, konnte ja nicht verhindert werden. Das Tauziehen innerhalb des Vatikan um Bischof Krenn setzte sich dann fort, als es um die Nachfolge Kardinal Groers ging. Auch dieses Mal zog Krenn den Kürzeren. Immerhin gelang es aber, ihn zum Ordinarius in St. Pölten zu machen: ohne jegliche Bitte aus dieser Diözese wurde er dorthin verfügt. Diözesen werden von der Vatikanischen Österreichpolitik nur noch als Machtbasis betrachtet. Daß es sich um Gottes Heiliges Volk handelt, spielt kaum eine Rolle. Das Kirchenvolk nahm diese restaurative Revolution von oben deutlich wahr, die Proteste mehrten sich, die österreichische Kirchenseele kochte. Das Kirchenvolksbegehren in Österreich benötigte für seine Themen keine sonderliche Werbung. Der vorhandene Ärger genügte vielen, sich an der Protestaktion zu beteiligen. Das Ansehen der neuen Bischöfe war schlecht. Nach einer von mir selbst durchgeführten Umfrage hatten viele keine gute Meinung von den "neuen" Bischöfen. Kardinal Groer war wegen seiner schlechten Umfragewerte derart gekränkt, daß er -wie mir sein Generalvikar Trpin mitteilte - sein Amt zurücklegen wollte. Hätte er es nur damals getan, er hätte sich wohl einiges erspart. Natürlich wurde und wird immer noch diese Vatikanische Kirchenpolitik damit begründet, daß in der liberalen Ära Königs Österreichs Kirche auf einen falschen Weg geraten sei. In der pastoralen Abmilderung von Humanae vitae (Maria Troster Erklärung 1969) oder in der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener (Hirtenbrief 1980) war Österreichs Kirche zum Befremden Roms einen eigenständigen Weg gegangen. Die neuen Bischöfe sollten diese pastorale Linie der österreichischen Kirche beenden. Groerkomplott Eine neue Qualität erreichten die Entwicklungen durch die medial von einem Betroffenen vorgetragenenen Anschuldigungen gegen Kardinal Groer, er hätte ihn jahrelang sexuell mißbraucht. Der Umgang des Betroffenen wie der für die Österreiche Kirche Verantwortlichen mit diesen Anschuldigungen war fatal. Der Kardinal schwieg, die Kirchenleitung mauerte. Bis zur befreienden Erklärung von vier österreichischen Bischöfen (Weber, Eder, Schönborn, Kapellari) verging zu viel Zeit. Der Langzeitschaden für das Ansehen der Kirche ist enorm. Verantwortliche in Rom tragen eine schwere Schuld. Statt die österreichische Kirche - wie sie es vorhatten - pastoral zu sanieren, haben sie diese in die geschichtlich wohl schlimmste Lage seit Jahrzehnten gebracht. Bald nach der Stellungnahme der vier Bischöfe war vom Journalisten Hubertus Czernin eine Analyse des Falles Groer mit Originaldokumenten erschienen. Sie machte für Nachdenkliche zumindest verständlich, wie die vier Bischöfe zur "moralischen Gewißheit" über Groers Versagen gelangen konnten. Das sind die drei wichtigsten Erkenntnisse seiner Analysen: 1. Groer hat als faszinierende Persönlichkeit ihm anvertraute Menschen in eine tiefe Abhängigkeit gebracht. Er diente nicht den ihm anvertrauten Menschen, sondern bediente sich ihrer. Er setzte seine persönliche Faszination wie seine amtlichen Positionen (in der Schule, im Stift Göttweig) nicht dazu ein, daß Individuen ihren Lebensweg finden, sondern schaffte um sich herum Hörige, Marionetten. Aus der Sicht der "Opfer" sitzt hier die Hauptverfehlung Groers. Daher sagen auch Betroffene: "Es gibt Schlimmeres als die (Ebene der) Sexualität". 2. Diese Abhängigkeit wurde für pädo- und homophile Handlungen mißbraucht. Die makabre Liste konkreter Handlungen - aus den Dokumenten herausdestilliert - ist lang: Umarmen, Streicheln, wechselseitige Penisberührungen, Zungenküsse, Ganzkörpermassagen, gemeinsame Bettstunden. Kein Sexualverkehr. Nicht finalisierte postpubertäre Pädophilie, so Primarius Hans Huber, langjähriger Sekretär von Kardinal König. Es wirkt zynisch, wenn Kurt Krenn in all dem nur "acti imperfecti" sieht. 3. Die homophil ausgebeutete psychische Unterwerfung Anvertrauter hat den Schutzraum des Bußsakraments erreicht, wobei das Beichtgeheimnis vom Beichtvater dann verletzt wurde, wenn es dem Vertuschen seiner Taten diente. Aus dem Symbol der Vergebung wurde das Diabol arglistigen Mißbrauchs. Was richtig ist, definiert, wer die Macht hat Der Fall Groer mußte für die neue Vatikanische Österreichpolitik eine schwere Gefährdung darstellen. Nur so ist zu erklären, warum der Vatikan - anders als in anderen Gebieten der Weltkirche wie den USA, in Australien, in Irland - einen Weg einschlug, der letztlich das Problem nicht löste, sondern nur vergrößerte. In Österreich versteht kaum noch jemand die Haltung des schweigenden kranken Kardinals Groer, noch weniger aber versteht man, warum Rom immer noch an einer Verschwörungstheorie festhält und den Kardinal - ohne je die Vorwürfe geprüft zu haben - für unschuldig erklärt. Die Unschuldsvermutung, die ja auch für den Kardinal zunächst gilt, wurde vom allein zuständigen Papst nie auf ernsthaftem Rechtsweg mit Anklage und Verteidigung untersucht. Die Unschuld wird vielmehr mit der Macht des Amtes dekretiert. Das ist aber ein schwerer Schlag gegen das Rechtsgefühl nicht nur von Katholikinnen und Katholiken, sondern einer immer mehr spottenden gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Es schmerzt viele Katholiken, wenig gegen den Vorwurf sagen zu können, die Kirche halte sich wie auch andere nichtdemokratische Systeme an das Motto: "Wer die Macht hat, hat das Recht." Was sich hier abzeichnet, ist leider kein Einzelfall. Ans Licht kommt eine tiefe Krise im Verhältnis der Kirche zu ihrer innersten Mitte, der "Wahrheit". Je unangenehmer existentielle Wahrheiten (also Tatsachen) sind, umso mehr wird Macht eingesetzt, um (gegen die Tatsachen) zu erklären, "was wahr ist". Man "überwahrheitet". Ein Beispiel dafür lieferte auch der Apostolische Nuntius Donato Squiccarini im Konflikt zwischen Kardinal Schönborn und Bischof Krenn. Als der St. Pöltner Bischof den Verantwortlichen in der Bischofskonferenz unter sprachlichen Entgleisungen Unregelmäßigkeiten in der Vorgangsweise beim Entstehen des Adliminaberichts vorwarf, sprach die Bischofskonferenz dem inzwischen zurückgetretenen Sekretär Michael Wilhelm das Vertrauen aus. Der Nuntius hingegen desavourierte den Vorsitzenden in aller Öffentlichkeit, bezog die Position von Bischof Krenn und dekretierte von sich aus, es seien tatsächlich Fehler gemacht worden. Mit seiner amtlichen Macht bestimmte der Vertreter des Vatikans in Österreich, was wahr gewesen ist. Auf dem breiteren Hintergrund der Vatikanischen Österreichpolitik war dies aber durchaus konsequent. Man hatte im römischen Schachspiel mit Kardinal Groer bereits die "Dame" verloren. Den Turm "Krenn" zu verlieren, war man unter diesen Umständen auf keinen Fall bereit. Die persönliche Freundschaft Bischof Krenns mit dem päpstlichen Sekretär seit seiner Studienzeit in Rom sowie die Protektion Krenns durch mächtige polnische Bischöfe kommt hinzu. Daß Rom unter diesen Umständen einen davon tief enttäuschten amtsmüden Kardinal Schönborn, der für die Weltkirche weitaus mehr Verdienste hat als der Kleinbischof von St. Pölten, im Regen stehen ließ, wird zu den historischen Skurillitäten der immer unberechenbareren Personalpolitik Roms im Finale des ansonsten so bedeutsamen Pontifikats Johannes Pauls II. gehören. Es werden wohl jene Recht haben, die sagen: Wird ein Papst alt und krank, dann macht er nur noch das, was ihm wirklich wichtig ist. Im übrigen regiert der Sekretär des Papstes die Weltkirche. Dafür gibt es zwar keine theologische Grundlage. Umso bemerkenswerter ist, daß es so passiert. Daraus ist auch zu folgern, daß ein Bischof, der das Vertrauen der "kleinen polnischen Kurie" um den päpstlichen Sekretär besitzt, lokal nicht aus dem bischöflichen Sattel zu heben ist. Das war vermutlich der entscheidende Fehler im Kalkül von Kardinal Schönborn, als er völlig zu Recht wegen der innerösterreichisch pastoral unerträglich gewordenen Lage Krenn durch seinen Generalvikar Helmut Schüller öffentlich zur Rede stellen ließ. Eine machtpolitische Wahrheit klärt sich: Wer in der katholischen Weltkirche zentral gestützt wird, ist lokal nicht wirklich angreifbar. Bischof Krenn spottete daher auch selbstsicher über seine Kritiker mit dem Argument: Der Papst hat mich eingesetzt. Nur er kann mich wo anders hin versetzen. Daß dabei Bischof Krenn das belastende Gespött von seiner Person auf den Papst weiterschob, kümmert ihn wohl wenig. Rom sollte prüfen, ob seine größeren "Feinde" nicht gerade in den Reihen der Übertreuen sitzen. Kein österreichischer Bischof hat bislang den Papst in derartig gravierender Weise in Mißkredit gezogen wie Bischof Krenn: Daß der Papst bewogen wurde, ihn bei seinem letzten Besuch in Österreich kritiklos zu stützen, ist eine weitere Tragödie für eben jenen Papst, der Österreich schon aus seiner eigenen Geschichte heraus eine tiefe Verehrung entgegenbringt. Liberalismus versus Evangelium Die Krise der Österreichischen Kirche und mit ihr der Vatikanischen Österreichpolitik hat allerdings nur vordergründig mit Personen zu tun. Im Hintergrund steht ein Konflikt, der nicht auf die Weltkirche und auch nicht nur auf Österreich begrenzt ist, sondern tiefe kulturelle Wurzeln hat. Es ist die Auseinandersetzung an der Schnittstelle zwischen Evangelium und Kultur, näherhin zwischen der Entwicklung der modernen Freiheitskultur und dem Weg der katholischen Kirche in ihr. Das Konzil hatte sich in einer moderaten Weise hoffnungsvoll der modernen Welt mit ihrer Euphorie für Freiheit und Befreiung geöffnet. Inzwischen ist eben diese moderne Freiheitskultur selbst in eine tiefe Krise geraten. Die gewonnene einsame Freiheit gilt als riskant, bringt den Starken Vorteile, produziert aber unter den Schwächeren zu viele Modernisierungsverlierer. Die Zahl jener nimmt zu, welche die lästig werdende Last der Freiheit loswerden wollen. Diese Freiheitsflucht stärkt die rechten Flügel in der Politik wie in den Kirchen. Solche Entwicklungen polarisieren zunehmend die modernen Freiheitsgesellschaften. Auf der einen Seite sind jene, die noch mehr Freiheitsgrade möchten. Sie wollen die Gesellschaften weiter "liberalisieren". Die politischen Themen sind bekannt: Liberalisierung der Märkte, Liberalisierung der Homosexualität, der Euthanasie etc. Auf der anderen Seite mehren sich die Stimmen, mehr schützende Ordnungen zu schaffen und Freiheiten zurückzunehmen: die Freiheit der Migration, die Rechte der Ausländer, die sozialen Sicherheiten. Der Streit um das Maß der Freiheit ist kulturell wie politisch voll in Gang gekommen. Die Kirchen bleiben von dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht verschont. Im Gegenteil: Wird dieser Streit religiös aufgeladen, verschärft er sich. Denn nunmehr streiten die einen im Namen Gottes um mehr Selbstbestimmung auch der Kirchenmitglieder. Gegen die restriktiven Positionen der Kirche in der Sexualmoral, die demokratiefremden Entscheidungsstrukturen der Kirche, die überkommene Rolle von Frauen in der Kirche, die unflexible Haltung in der Auslegung der kirchlichen Lehren wird von engagierten Kirchenreformern im Namen modernen Freiheitsverständnisses und des Evangeliums in einem gekämpft. Aber auch die Konservativen, oftmals mit Kirchenmacht ausgestattet, verbinden ihrerseits ihren Hang zu einer unfreiheitlichen Autoritätsauffassung mit dem Anspruch, das Evangelium vor dem Zeitgeist retten zu müssen. Längst ist auch das Zweite Vatikanische Konzil zwischen diese Fronten geraten. Die einen klagen, daß sein Reformelan unterwegs erlahmt sei. Rom wird vorgeworfen, auf administrativem Weg immer mehr vom Konzil zurückzunehmen, statt seinen Reformauftrag zu vollziehen. Dagegen klagen die anderen, daß zumal in einigen westlichen Ländern eine kirchenauflösende Entwicklung in Gang gekommen sei, die das Konzil nie gewollt habe und in der das Evangelium immer mehr dem liberalen Zeitgeist geopfert werde. Der Streit um Personen ist also in der Tiefe ein Streit um das Konzil und - paradoxer Weise - zugleich die Fortführung seiner pastoralen Grundanliegen. Neuerlich wird nämlich, wie auf dem Konzil selbst, um die Positionierung in der Welt von heute gerungen. Eben diese Komplexität des Konflikts wird von vielen, auch den Beteiligten, nicht wahrgenommen, was die Auseinandersetzungen zu nutzlosen Wortgefechten und gegenseitigen Anschuldigungen verkommen läßt. Dabei wäre angesichts der enormen Zukunftsherausforderungen nichts nützlicher als ein Zusammenwirken aller kirchlichen Kräfte. Dazu müßten aber zuerst die beiden Kirchenlager versuchen, die jeweils andere Seite zu verstehen. Es müßte eingesehen werden, daß keine Seite nur das pure Evangelium verteidigt, sondern auch sehr "profane Interessen" mitverfolgt. So müßten beispielsweise die Vertreter des Kirchenvolksbegehrens erkennen, daß eine Dimension ihrer Forderungen (wie etwa, daß es bei sexuellen Handlungen, bei Scheidungen, bei der Wiederheirat Geschiedener, bei der Wahl der priesterlichen Lebensform letztlich allein auf die individuelle Bewertung ankomme) der Wunsch nach einer Liberalisierung kirchlicher Normen ist, die nicht das Evangelium pur darstellt. Umgekehrt müßten aber auch die Kirchenverantwortlichen den Kirchenreformbegehrern zubilligen, daß deren für sie "liberalen" Forderungen durchaus mit Evangelium aufgeladen sind. Zugleich könnten die Verantwortlichen in den Kirchenleitungen erkennen, daß ein Teil ihrer "antiliberalen" Kirchenpolitik nicht allein dem Versuch entspringt, das Evangelium unversehrt zu überliefern, sondern der Angst um den Zusammenhalt der Weltkirche und manchmal sogar aus einem ererbten untheologischen antimodernen und antiliberalen Affekt. Der Streit um die kirchliche Personalpolitik erschwert, ja verhindert nicht selten eine tiefschürfende Auseinandersetzung um den Weg der katholischen Kirche inmitten einer turbulenten geistigen, technischen, sozialen wie politischen Umgestaltung wichtiger Kulturen der Welt. Um die Rolle der Kirche in diesem Wandel müßte auch dann gestritten werden, wären in den letzten Jahren auf Grund eines sorgfältigen headhuntings akzeptablere und deshalb pastoral wirkungsvollere Bischöfe ernannt worden. So aber vergeuden viele Kirchengebiete ihre knappen Energien mit dem unproduktiven, ja Schaden mehrenden Streit um die Personen. Die Zukunftskrise bleibt auf diese Weise ungelöst. Das ist vermutlich der größte Schaden, den die fahrlässige Bischofsernennungspolitik des Vatikans in den letzten Jahren nicht nur in Österreich verursacht hat.
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Für Hans.

Am 8. September  2011 verstarb 77jährig mein Bruder Hans (Johannes Zulehner). Er verbrachte sein Leben mit einer starken Behinderung. Hier die Predigt bei der Bestattung am 24.9.2011 in St. Thomas.

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München, 19.10.2017: Kirchenreform ja! Aber wie? MP3

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St. Georgen, 28.6.2017: Papst Franziskus verändert die Pastoralkultur

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Rosenheim, 15.2.2017: Entängstigt euch! MP4

Graz, 20.1.2017: Fundamentalismus als Schutzmuster. MP3 | THESEN | PPT

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