(Wien, 29. November 2011). Der bekannte Pastoraltheologe und Religionsforscher em. Univ. Prof. DDr. Paul M. Zulehner analysierte zusammen mit Drin. Petra Steinmair-Pösel (Sozialethikerin an der Universität Wien) erstmals im Auftrag der Frauenzeitschrift „WELT DER FRAU“ – über den Zeitraum von 1970 bis 2010 – in Österreich und Deutschland erhobenes, frauenspezifisches Datenmaterial[1]. Die Fakten zeigen: Es gibt nicht mehr „den“ Mann und ihm kontrastierend gegenüber „die“ Frau. Es gibt eine Mehrzahl von deutlich unterscheidbaren Geschlechtertypen: traditionelle wie moderne, pragmatische wie unbestimmt-suchende. Dadurch kristallisieren sich sowohl neue typische Rollen und Aufgabenverteilungen als auch Ansprüche sowie Anforderungen an die Gesellschaft und ihre Institutionen heraus.
Die Studie gewährt erstmals neue Einblicke in die Entwicklung von Frauenleben in den letzten 40 Jahren und gibt einen Ausblick auf Trends sowie damit verbundene Herausforderungen für Politik und Kirche. Begleitend zur Studie wurde vom Welt-der-Frau-Verlag ein Buch mit dem Titel „Typisch Frau?“ herausgegeben, das die Typologien anhand von konkreten Beispielen in spannender Weise beleuchtet.
Basierend auf dem umfassenden Datenmaterial, dem die Studie zugrunde liegt, lässt sich für den Studienautor em. Univ. Prof. DDr. Paul Zulehner eine bunte Vielfalt von „Frauentypen“ erkennen. Konkret lassen sich vier Typen abgrenzen: traditionell – modern – pragmatisch – unbestimmt/suchend.
Neue Typen statt klassische Rollenbilder
Die traditionellen Frauen definieren sich mehrheitlich als Familienfrau und Mutter. Berufstätigkeit ist damit nicht vereinbar. Dem entspricht das Bild vom Mann als alleiniger Familienernährer. 16% der Frauen (17% der Männer) verstehen sich 2010 als traditionell. Der Anteil der traditionellen Frauen hat sich 1992 bis 2002 halbiert. Seither nimmt er allerdings wieder zu: er stieg von 2002 bis 2010 von 11% auf 16%.
Die modernen Frauen verbinden – auch auf Grund der inzwischen selbstverständlich gewordenen hohen Schulbildung von Frauen – Beruf und Familie und sehen sich als Berufsfrau. Mit diesem Anspruch wird Mutterschaft zu vereinen versucht. Der Anteil moderner Frauen hat sich in den ersten zehn Jahren von 20% auf 37% nahezu verdoppelt. In den letzten Jahren (2002-2010) ist der Anteil aber merklich rückläufig (-10 Prozentpunkte).
Ein Viertel der Frauen verhält sich pragmatisch. Ein Drittel ist offen und unbestimmt/suchend.
„Anhand des Datenmaterial ist klar ersichtlich: Der Schlüssel für die Typenzuordnung ist die Verbindung von Beruf und Familie. Moderne – Frauen wie Männer – sind einander näher als traditionelle und moderne Frauen bzw. traditionelle und moderne Männer. Wenn überhaupt, dann gibt es einen Graben weniger zwischen den Geschlechtern, sondern viel tiefer zwischen den unterschiedlichen Typen. Es ist wie bei der Ökumene: Evangelikale Protestanten und fundamentalistische Katholiken sind einander näher als evangelikale und liberale Protestanten bzw. fundamentalistische und reformoffene Katholikinnen“, bringt Studienautor und Religionssoziologe em. Univ. Prof. DDr. Paul M. Zulehner diese Ergebnisse auf den Punkt.
Bildung als treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung
Je höher die Schulbildung, desto wahrscheinlicher kann eine Frau dem modernen Typus zugeordnet werden. 63% der modernen Frauen weisen ein abgeschlossenes Hochschulstudium auf – beim traditionellen Typus sind es hingegen nur 2%. Das Verlassen von traditionellen Rollen geht also mit wachsender Bildung einher. Es zeigt sich, dass das Geschlecht an sich Einfluss auf die Typenzuordnung hat: Frauen verstehen sich moderner als Männer. Es gibt somit eine unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeit bei den Geschlechtern. Das kann eine Quelle für produktive familiale wie gesellschaftlich-kirchliche Spannungen sein. Frauen spielen dabei zumeist den entscheidenden Part.
Ernüchterung hinsichtlich moderner Frauenrollen
Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass die moderne Frauenrolle schwierig zu leben ist, wenn Beruf und Familie verbunden werden sollen. 43% der modernen Frauen mit Kindern im Haushalt sind der Ansicht: „Das Leben in einer Familie ist einfacher, wenn ein Elternteil nicht arbeitet und zuhause bleibt.“ Auch 41% der kinderlosen modernen Frauen denken so. Im Schnitt aller Österreicherinnen und Österreicher stimmen dieser Aussage 59% zu.
Ebenfalls ist ein Drittel (35%) der modernen Frauen mit Kindern der Ansicht: „Die neuen Geschlechterrollen sind anstrengender als die traditionellen“. Eine Strategie, das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu mildern, sehen 54% der Männer und 67% der Frauen in der Bezahlung der Familienarbeit.
Haben von den traditionellen Frauen 16% kein Kind, ist es bei den modernen Frauen jede Dritte (34%). Im Durchschnitt hat die traditionelle Frau fast zwei Kinder (1,91), die moderne eins (1,31). Nur 17% der modernen Frauen meinen, dass es ein erfülltes Frauenleben nur mit Kind geben könne – unter den traditionellen Frauen halten diese Position 60% für richtig.
„Die Frauen- und Männertypen sind in Entwicklung. Diese verlief 1992 bis 2002 von einem traditionellen zu einem modernen Verständnis. In den letzten Jahren erscheint aber diese Entwicklung – bei Männern mehr als bei Frauen – als verlangsamt. Es gibt Anzeichen von Zurückhaltung und Skepsis“, fasst Studienautor und Religionssoziologe em. Univ. Prof. DDr. Paul M. Zulehner die Ergebnisse des ersten Teils der Studie zusammen.
Frauen und Kirche: Commitment schwindet
Im zweiten Teil steht die Einstellung der vier Frauentypen zur katholischen Kirche im Fokus der Studie.
Frauen wie Männer sehen ein scharfes Missverhältnis zwischen dem Commitment von Frauen in der Kirche und ihrem Zugang zur innerkirchlichen Gestaltungsmacht. Sie erleben diesen Zustand als eine herbe Ungerechtigkeit. Das führt dazu, dass in den letzten Jahrzehnten viele Frauen das Commitment zur Kirche reduziert haben: Der Anteil der kirchlichen Frauen hat sich bei den jüngeren jenem der kirchlichen Männer auf ganz niedrigem Niveau angeglichen.
Mit 77% gibt es unter den Frauen in Österreich mehr Mitglieder der katholischen Kirche als unter den Männern (71%). Sie überwiegen bei den Kirchgängerinnen (mehr als doppelt so viele Frauen als Männer gehen regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst), machen mehr als Männer in Gebetsgruppen mit (17%), tragen die Initiativen der Caritas (19%) mit, schließen sich geistlichen Gemeinschaften (15%) an und tragen die Aktionen der Kirchengemeinde (28%). Zunehmend stellen Frauen Pfarrgemeinderätinnen, machen dort aber häufig die Schattenarbeit.
Die Tätigkeiten der Frauen in diesen kirchlichen Gremien folgen zu einem größeren Teil traditionellen Frauenbildern. Frauen machen das Soziale und die Hintergrund- sowie Schattenarbeit, Männer sorgen sich um das Finanzielle und um Baufragen. Die Hälfte der Befragten (48%) hielte es für einen Gewinn, würden Frauen Leitungspositionen übernehmen. Die repräsentative Religionsstudie 2010 unterstreicht den Wunsch: „Es braucht mehr Frauen in der Kirchenleitung.“ – diese Aussage unterstützen 50% der Männer und 64% aller Frauen. Unter den modernen Frauen sind es sogar 79%.
Kirche wird Frauen nicht gerecht
39% der Frauen (37% der Männer) sind der Ansicht: „Die Kirche wird den Frauen nicht gerecht.“ (Männer 2002): Und das, obwohl Frauen mehr als Männer das konkrete Leben der Kirche tragen. Doppelt so viele Frauen (31%) als Männer (16%) stört der Umgang der Kirche mit den Frauen. Dieser Durchschnittswert bei Frauen wird bei den Frauen unter 30 deutlich überboten (38%). Unter jenen Frauen, die wegen der Haltung der Kirche zu den Frauen ausgetreten sind, finden sich mit 77 Prozent überdurchschnittlich viele „moderne Frauen“.
Glaubwürdigkeit der Kirche steht am Spiel
Ein symbolischer Schritt, um das Gefühl der mangelnden Gleichberechtigung zu mildern, könnte die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern sein. Das würde die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche mehren: so meinen 58% der Männer und 67% aller Frauen. Unter den modernen Frauen sind 71% dieser Ansicht.
„Kirchlicherseits ist Pluralitätskompetenz gefordert. Diese beginnt schon ganz grundlegend damit, neben der vorrangig familial orientierten auch andere Lebensformen zu schätzen und zu unterstützen. Ansonsten läuft die Kirche Gefahr, noch mehr moderne junge Frauen zu verlieren, die sich von ihrer – aus ihrer Sicht einseitig von traditionellen Männern geleiteten – Kirche diskriminiert fühlen und sich (und mit ihnen auch ihre Kinder) aus dem kirchlichen Bereich zurückziehen“, kommentiert Drin. Petra M. Steinmair-Pösel, Universitätsassistentin am Institut für Sozialethik, Universität Wien, die Ergebnisse.
„Typisch Frau“ – Das Buch zur Studie
Die WELT DER FRAU hat sich mit der Studienbeauftragung das Ziel gesetzt, die redaktionelle Tätigkeit der Frauenzeitschrift – entsprechend den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Lage und Entwicklung von Frauen in Österreich – am Puls der Zeit auszurichten. Auf dieser tragfähigen Grundlage sollen verstärkt für Gesellschaft und Kirche brisante aktuelle Fragen diskutiert sowie Meinungen bzw. Antworten dazu präsentiert werden.
Begleitend zur Studie hat der Welt der Frau-Verlag ein Buch mit dem Titel „Typisch Frau?“ herausgebracht. Darin werden die vier aus der Studie hervorgehenden Frauentypen anhand von konkreten Frauenbeispielen zum Leben erweckt. Das Buch ist ab sofort über www.welt-der-frau.at erhältlich.
Studieninitiatorin ist Drin. Christine Haiden, Chefredakteurin „WELT DER FRAU“.
Infos zu WELT DER FRAU
„Welt der Frau“ – Oberösterreichs führendes Frauenmagazin – ist eine Inspirationsquelle für mehr persönliche Lebensqualität. Ihr christliches Fundament manifestiert sich durch die unbeugsame Forderung nach Gemeinschaftssinn, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit und durch die lustvolle Auseinandersetzung mit Spiritualität – zuletzt mit einer Auflage rund 57.692 Stück (ÖAK geprüft JS 2010) und einer Reichweite von 5,2% Frauen (Basis MA 10/11). Besonderheiten der WELT DER FRAU sind der hohe Abo-Anteil von 87 % sowie die sehr hohe Reichweite bei Frauen in ländlichen Regionen Österreichs.
Pressekontakt:
Agentur comm•in
Mag.a Andrea Pfennigbauer
Servitengasse 5/16, 1090 Wien
Tel. 01/3194101
a.pfennigbauer@commin.at
[1] Folgende Studien wurden ausgewertet:
- Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970-2010: Dies ist eine der größten europäischen Langzeitstudien über die Entwicklung der religiös-kirchlichen Dimension in der österreichischen Kultur seit vierzig Jahren;
- die österreichische Pfarrgemeinderatsstudie 2009: über ein Viertel der rund 35000 ehrenamtlichen PfarrgemeinderätInnen haben sich an dieser Online-Studie beteiligt;
- Europäische Wertestudien 1991, 1999 und 2008: An der Europäischen Wertestudie, die 1982 erstmals in Feld gegangen war, hat sich Österreich seit 1991 beteiligt. Sie analysiert die wichtigsten Lebensfelder moderner Menschen, u.a. Beruf, Familie, Politik, Religion und Kirchen;
- Männerstudien 1992 und 2002 aus Österreich (1998 und 2008 aus Deutschland).