Masterstudium
Für den Oktober 2011 hatte ich die Einladung angenommen, im Nationalen Priesterseminar in Beijing eine Woche im Rahmen eines theologischen Masterstudiums Pastoraltheologie zu unterrichten. Teilgenommen haben sieben Schwestern und drei Pfarrer. Zwei Schwestern und ein Pfarrer sollen nach Abschluss des Studiums in ihrer Diözese ein Pastoralinstitut aufbauen. Die Studierenden wirken in Pfarreien, einige von ihnen in der sogenannten "Untergrundkirche", andere in der staatlich geleiteten "offiziellen Kirche".
Übersetzer
Meine in Deutsch gehaltenen Vorlesungen zur Fundamentalpastoral mit dem Schwerpunkt "Kirchenvisionen" hat Johannes ChenBinshan übersetzt. Er hatte bei Peter Neuner in München promoviert und hat auch das Masterstudium aufgebaut. Durch einen Wechsel in der Leitung der Patriotischen Vereinigung, dem staatlichen Leitungsorgan der sogenannten "offiziellen Kirche" in China, hat er sein Amt als Studienleiter verloren. Ob der neuen Führung die große Offenheit für "westliche" Dozenten zu weit gegangen war? Ob der kurze Frühling in der chinesischen Kirche wieder zu Ende gegangen ist? Man wird sehen, ob sich die Patriotische Vereinigung nichr nur von Rom abgrenzt, sondern auch den internationalen theologischen Austausch verringern will.
Tibet
Zum Aufenthalt in China gehörte in diesem Jahr eine Reise nach Tibet dazu. Es ist eine beeindruckende Verbindung von Landschaft und Kultur.
Der traditionelle - aus Indien gekommene - tibetische Buddhismus ist kraftvoll. Um den Jokhang-Tempel in Lhasa pilgern Tag um Tag tausende Menschen aus dem Land und rühren ihre Gebetstrommeln im Sinn des Uhrzeigers. Andere werfen sich oft stundenlang rituell auf den Boden.
Den Kontrast dazu bilden die Modernisierungen des Landes durch die chinesische Zentralregierung und die von China eingesetzt Regierung der autonomen Provinz Tibet. Während der Olympiade 2008 war es zu Unruhen gekommen. Eine führende Rolle hatten die Mönche gespielt. Seither patroullieren inmitten der Pilger Gruppen von chinesischen Soldaten. Ein seltsames gegenläufiges Miteinander und Ineinander.
Kulturrevolution (1966-1976)
Als die Roten Garden in den späten Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für lange zehn Jahre an die Macht gekommen waren, vernichteten diese - gemäß der Devise "Religion ist Gift für die moderne Zeit" - die tibetische Kultur: die Tempel, die Statuen. Vieles wurde bis auf die Grundmauern niedergerissen.
Es sind heute just die kommunistischen Machthaber, welche mit hohem finanziellen Einsatz diese kulturelle und religiösen Bauten wieder errichten. Um das Volk zu gewinnen? In den Tagen, da ich in China weilte, beschloss die Regierung, aus Tibet die erste und wichtigste Tourismusdestination der Welt zu machen.
Was wird dieser Wiederaufbau der alten Kulturgüter bewirken? Eine Festigung des tibetischen Buddhismus unter der Leitung des Dalai Lama (der Pantchen-Lama residiert staatlich bevormundet in Beijing und hat keinerlei Ansehen im Volk)? Oder eine Befriedung des Landes? Oder haben die Kommunisten eingesehen, dass die Modernisierung des Landes längerfristig dem Buddhismus mehr schaden werde als der direkte Kampf?
Die Antwort wird die Geschichte lehren.
Chinesische Theologie
Was die Katholische Kirche in China rasch braucht, ist eine innere Aussöhnung zwischen den beiden Lungen (der Kirche im Untergrund und der offiziellen Kirche). Dazu wird es einen langen Atem in Rom brauchen, wenn es um die Ernennung der Bischöfe geht.
Zugleich aber wird eine wahrhaft chinesische Theologie vonnöten sein. Sie wird im sozialen Dialog der Gesellschaft ebenso stark sein müssen wie im kulturellen Dialog mit den alten Religionen des Landes.
Erbarmen
Buddha, so wird in Tibet gelehrt, hat drei wichtige Manifestationen: als Buddha der Weisheit, des Erbarmens und des Schutzes.
Erbarmen: das wäre eine zentrale Gemeinsamkeit der großen Weltreligionen. Im Christentum verkündet Jesus, ganz in der Tradition des Judentums, als den barmherzigen Vater. Eine große Sure des Koran rühmt das Erbarmen Allahs. Und die Buddhisten schreiben dem Buddha das Erbarmen als eine Hauptmanifestation zu. Dargestellt wird dieser Buddha mit unzähligen Händen und tausend Augen. Er sieht das Elend seines Volks, vor allem der Armen und Armgemachten, von denen es in China nur allzuviele im Verborgenen gibt. Und er macht sich stark - auch durch jene, die von "amtswegen" das Erbarmen repräsesntieren - wie in Tibet der Dalai Lama.