Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Sturm entfachen. Die Wissenschaft nennt das den Schmetterlingseffekt. Der Effekt, der darin besteht, dass komplexe, dynamische Systeme sehr empfindlich reagieren – auf kleinste Veränderungen, auf geringfügigste Nuancen bei den Anfangsbedingungen. Kleine Veränderungen am Anfang können zu einer völlig anderen Entwicklung führen und am Ende ein ganzes System vollständig und mächtig verändern. So kann ein Sturm entstehen. Nicht nur im System der „Natur“. „Auch im System der „menschlichen Natur“
Die menschliche Natur
Wir haben verlernt, die Menschheit systemisch zu betrachten. Denn wir leben in einem individualistischen Zeitalter. Das hat eine gute und eine fragwürdige Seite. Die gute: Wir schätzen (wenigstens im Westen – in Asien ist das ganz anders!) die Person, ihre Würde, ihre Unantastbarkeit in allen Phasen der Lebens, „from womb to tomb“, wie die amerikanischen Christen so lautmalerisch schön sagen. Individualität ist uns ein hoher Wert. Das ist auch gut so. Kein Mensch gleicht dem anderen. Jede ist ein Original. Ein Juwel der Schöpfung: Lass mich ein Juwel der Schöpfung werden, so ein berührendes buddhistisches Mantra „O mane pad me hum“!
Aber dann kommt die Kehrseite unseres Gespürs für Individualität. Alles was wir schätzen, kann in sein Gegenteil kippen. Dann wird aus lustvoller Individualität plötzlich ein angstbesetzter Individualismus. Die Anderen werden zu Fremden, zu Rivalinnen, die wir zwar nachahmen, denen gegenüber wir aber Strategien des Begehrens, des Neids, der Gewalt und der Lüge entwickeln. „Homo homini lupus“, so brachte es der Römische Komödiendichter Titus Maccius Plautus (250-184 v. Chr.) auf den Punkt [1]. Bei uns wurde das Zitat bekannt durch den englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) [2]. Wir sind wie einsame „Monaden“, die nur mit großer Mühe in eine dauerhaft gute Beziehung zueinander treten können.
Allerdings lernen wir heute in hohem Tempo, dass ein solcher Individualismus nicht mehr trägt. Vielmehr erleben wir, wie sehr alles miteinander zusammenhängt. Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die ganze Welt in Atem gehalten. Der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers hat eine Finanzkrise ausgelöst, von der sich die Weltwirtschaft bis heute noch nicht erholt hat. Ob es uns gefällt oder nicht: Es betrifft uns alle, ob Griechenland Pleite geht. Niemand kann sich mehr der weltweiten Dynamik entziehen. Und dann noch die Erfahrungen mit der Umwelt. Spätestens bei der Ökologie hört der Individualismus auf. Zwar kann sich ein Land – wie Kanada – kurzsichtig den Anstrengungen entziehen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, um knapp gewordenes Geld für Strafen zu sparen. Aber die drohende Klimakatastrophe wird damit nicht abgewendet.
Kurzum: Heute ahnen wir, wie systemisch vernetzt die Schöpfung und in ihr die Menschheit ist. Es gibt bei aller Einmaligkeit eine tiefe Einheit und Gemeinsamkeit. Und so originell jede von uns ist: in der Tiefe sind wir miteinander unlösbar verbunden. Wir haben die gleiche DNA, die gleiche Herkunft. Jede trägt in sich die zu Archetypen verdichteten Erfahrungen nicht nur der Menschen vor uns, sondern allen Lebens. Ontogenese (das Entstehen meiner Person) und Phylogenese (die ganze Geschichte des Lebens) kann man voneinander nicht trennen.
Die Denker aus der Zeit der jungen Kirche haben für diese tiefe Einheit das Wort von der „menschlichen Natur“ geprägt. Kein Mensch kann sich aus der Geschichte der Welt herauslösen. Was einer von uns ein kurzes Leben lang wird, hat eine unendliche Vorgeschichte. Krankheiten, aber auch persönliche Stärken und Schwächen werden von einer Generation zur nächsten vererbt. Im ersten Petrusbrief ist die Rede von einer „sinnlosen, von den Vätern (warum nicht auch von den Müttern) ererbten Lebensweise“ (1 Petr 1,18). Und durch Christus seien wir davon befreit.
Das Dunkle im System Menschheit
Haben wir aber einmal das Systemische – die innere Verflochtenheit – der einen Menschheit in sich und hinein in die ganze Schöpfung erfasst, dann können wir auch leichter erahnen, was der dunkle Begriff der „Erbschuld“ meinen könnte. Drückt er nicht letztlich aus, dass wir eben auch von den dunklen Mächten und Kräften der Menschheitsgeschichte von allem Anfang an geformt sind? Steckt nicht in jedem von uns die Angst vor dem Tod, vor dem wir uns von unserer Geburt an durch Gewalt und Güter zu sichern suchen, solange wir nicht das Vertrauen in das Leben, in Gott, finden – so Monika Renz in ihrem Buch über „Erlösung aus Prägung“?
Wir würden aber diese tiefsitzende Angst vor dem Tod nicht wahrnehmen, trügen wir in uns nicht auch eine tiefe Sehnsucht nach Leben, und das ohne die dunklen bedrohlichen ererbten Seiten und dämonischen Mächten. Es ist die Sehnsucht danach, dass nicht der Tod, sondern die Liebe unser Leben prägt. Wir haben Sehnsucht nach Frieden angesichts der Bedrohungen durch Krieg, Sehnsucht nach Gerechtigkeit angesichts des himmelschreienden Unrechts in der Menschheit, Sehnsucht nach Sinn inmitten mächtig andrängender Sinnlosigkeit.
„Menschliche Natur“ bedeutet also das, was an Erfahrungsvorrat aus der ganzen Geschichte der Menschheit in uns ist. Was uns zuinnerst prägt und formt. Das sind dunkle Mächte ebenso wie helle Hoffnungen und lichtvolles Sehnen. Wir sitzen im Todesschatten und sehnen uns nach dem Licht des Lebens und der Liebe.
Menschwerdung: ein leiser Flügelschlag Gottes mit systemisch Folgen
In Kappadozien in der heutigen Zentraltürkei lebte in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts nach Christus ein Mann namens Gregor. Er war Christ, wurde Bischof und gehört zu den großen Lehrern der damals noch ungeteilten Kirche. Auch er fragte sich, was es für uns bedeutet, dass Gott Mensch geworden ist. Und um das zu verstehen (und anderen zu erklären), greift er das platonische Bildwort von der „menschlichen Natur“ auf. Und erklärt, warum uns das, was in der Geburt Jesu geschehen ist, alles zutiefst angeht.
In dem Werk „Große Katechese“ schriebt er über die Menschwerdung Gottes in Jesus, einem von uns: Damals „hatte er sich auf das innigste mit unserer Natur vereinigt, damit dieselbe durch ihre Verbindung mit Gott göttlich werde, indem er sie dem Tod entriss und aus der Zwingherrschaft des Feindes befreite; denn seine Erhebung vom Tode ist für das sterbliche Geschlecht der Anfang der Erhebung zum unsterblichen Leben.“ [3]
Dass Gott Mensch wurde, war also wie ein leiser Flügelschlag des göttlichen Schmetterlings (ein schönes Bild für den Heiligen Geistes vielleicht). Und dieser hat das ganze System der Menschheit vom Grund auf geheilt.
„Was lernen wir also“?
Gregor von Nyssa schließt seine Überlegungen mit einer offenen Frage: „Was lernen wir also Unwahrscheinliches in unserem Glaubensgeheimnis, wenn der Stehende zu dem Gestürzten sich niederbeugt, um den Daliegenden aufzurichten?“ [4]
Gregor von Nyssa hatte zunächst gar keine ethischen Auswirkungen im Sinn. Ihm ging es um die Auswirkung der Menschwerdung auf „die menschliche Natur“, die uns allen gemeinsam ist. Wenn Gott die menschliche Natur annimmt, dann heilt er diese auch, und zwar an ihrer Wurzel, in ihrem tiefen Sein. Geheilt wird die menschliche Natur von ihrer Todeswunde. Wenn Gott sich mit der menschlichen Natur eint, wird dieser bleibendes göttliches Leben und damit die Kraft zum Lieben eingepflanzt. Der leise weihnachtliche Flügelschlag Gottes bewirkt gleichsam eine Totenerweckung der ganzen Menschheit. Gregor: „Da nun die Rückkehr aus dem Tode unserer ganzen Natur zuteilwerden sollte, so wollte er, indem er dem Daliegenden die Hand reichte und sich gleichsam zu unserem Leichnam niederbückte, dem Tode soweit sich nahen, daß er die Sterblichkeit austrank und an seinem eigenen Leibe die Auferstehung der Menschheit einleitete, indem er durch seine Macht das ganze Menschengeschlecht mit auferweckte.“
Dieses Bild vom sich zur Menschheit niederbeugenden Gott rührt sehr an und hat einen mittelalterlichen Buchmaler [5] beflügelt – es ist ein tiefsinniges und berührendes Weihnachtsbild!
Befreit zu solidarischem Lieben
Dass die uns allen gemeinsame menschliche Natur von der Sterblichkeit geheilt wurde, hat dann aber auch weitreichende Auswirkungen auf unser Tun. Wir alle haben miteinander zu tun: nicht nur in dieser wunderbaren Gemeinschaft der Schwestern oder in der Schulgemeinschaft der Friesgasse; nicht nur in unserem Heimatland, sondern in der einen Welt, der ganzen Menschheit. Wir hängen tiefgründig miteinander zusammen.
1971 schrieb der deutsche Psychiater und Psychoanalytiker Helm Stierlin [6] seinen Bestseller „Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen“. Dasselbe sagte früher schon Paulus: „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.“ (1 Kor 12,26) Wir haben, so lehren moderne Gehirnforscher, dank der „Spiegelneuronen“ (Giacomo Rizzolatti) in unserem Gehirn, die Fähigkeit, uns in anderen einzufühlen und deren Freuden und Leiden zu teilen. „Compassion“ nennt das Johann B. Metz. Und viele Schulen haben Compassion bereits zu einem Lernziel erklärt. Wir können dann lernen, was der große Politiker Rabin im Friedensvertrag mit Arafat erklärt: Dass die beiden bislang verfeindeten Völker anfangen werden, der Leiden des anderen Volkes zu gedenken und darauf ihre Politik aufzubauen. Rabin wurde deshalb umgebracht: Ob sein politisches Martyrium dem leidgetränkten Geburtsland Jesu einen gerechten Frieden bringen wird? Weihnachten erinnert uns jedenfalls an die Fähigkeit zur Empathie in die Leiden und Freuden anderer, die darauf gründet, dass wir alle an derselben menschlichen Natur teilhaben. Und diese wurde durch den leisen weihnachtlichen Flügelschlag Gottes an seiner Wurzel geheilt. Das geheilte Sein kann nunmehr unser Tun, das Tun aller Menschen formen. Wir sind – von der tiefsitzenden Angst geheilt – frei, zu werden was wir von Gott her sind: in seiner Art Liebende.
[1] „lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“ Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt.
[2] Hobbes, Thomas: De Cive (Vom Menschen, Vom Bürger. ), in: Philosophische Bibliothek Band 158. Hamburg 1994, 69.
[3] Gregor von Nyssa: Große Katechese, BKV München 1927, Bd 56., 51f. - Und ein paar Seiten weiter führt er das Ereignis, dass Gott unsere „menschliche Natur“ mit all ihren im Lauf der Geschichte gewachsenen Erfahrungen samt ihrer Todeswunde annahm, noch weiter aus:
„Denn derjenige, der da ewig lebt, unterzieht sich nicht des Lebens wegen der leiblichen Geburt, sondern um uns durch den Tod ins Leben zurückzurufen. Da nun die Rückkehr aus dem Tode unserer ganzen Natur zuteilwerden sollte, so wollte er, indem er dem Daliegenden die Hand reichte und sich gleichsam zu unserem Leichnam niederbückte, dem Tode soweit sich nahen, daß er die Sterblichkeit austrank und an seinem eigenen Leibe die Auferstehung der Menschheit einleitete, indem er durch seine Macht das ganze Menschengeschlecht mit auferweckte. Denn da jenes die Gottheit beherbergende Fleisch, welches in der Auferstehung zugleich mit der Gottheit erhöht wurde, nirgends anderswoher stammte, als aus der Masse, aus der wir bestehen, so muss, wie bei unserem Leibe die Tätigkeit eines einzelnen Sinneswerkzeuges allen übrigen mit ihm verbundenen Organen eine Mitempfindung verschafft, in ähnlicher Weise die Auferstehung des Teiles, wie wenn die ganze Menschheit nur eine Person wäre, auch auf das Ganze übergehen, indem sie kraft des engen Zusammenhanges unserer Natur von dem Teil auf das Ganze sich fortpflanzt.“ AaO.
[5] Christus als der barmherzige Samariter, in: Codes Rossanensis, Syrien, um 550.
[6] Stierlin, Helm: Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Versuch einer Dynamik menschlicher Beziehungen, Frankfurt am Main 1971.